
Jeden Tag entdecken Kinder neue Fähigkeiten und erkennen Schritt für Schritt: Ich bin eine eigene Person mit einem eigenen Willen. Um zu verstehen, was in den Köpfen der Kinder vorgeht, werfen wir einen Blick auf ein Modell, das die Psychologie bis heute prägt – und das uns im Kita-Alltag enorm unterstützen kann:
Das Erikson-Stufenmodell
Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson ging davon aus, dass die Persönlichkeitsentwicklung ein Leben lang andauert und nie ganz abgeschlossen ist. Sein Modell beschreibt acht Lebensphasen, in denen wir immer wieder eine Balance zwischen unseren eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen unserer Umwelt finden müssen.
Für den Alltag mit Kindern sind vor allem die ersten drei Phasen entscheidend, denn hier wird das emotionale Fundament gegossen:
- Urvertrauen vs. Urmisstrauen (0 bis 1,5 Jahre): Babys lernen, ob sie sich auf die Welt verlassen können. Wenn Bezugspersonen zuverlässig und feinfühlig auf ihre Signale reagieren, entsteht ein tiefes Urvertrauen.
- Autonomie vs. Scham und Zweifel (1,5 bis 3 Jahre): Das Kind entdeckt sein „Ich“ und möchte Dinge selbst tun.
- Initiative vs. Schuldgefühl (3 bis 6 Jahre): Kinder probieren sich aus, stellen Fragen und entwickeln erste eigene Projekte.
Lass uns einen genaueren Blick auf die Phasen werfen, in denen es im Alltag oft am lautesten wird.
Die „Trotzphase“ – Warum der Begriff eigentlich Quatsch ist
Zwischen 18 Monaten und etwa drei Jahren beginnt die Autonomiephase. Das Kind versteht plötzlich, dass es unabhängig von seinen Bezugspersonen existiert und testet seinen Einfluss.
Oft wird diese Zeit als „Trotzphase“ abgestempelt. Dieser Begriff ist jedoch problematisch, weil er dem Kind unterstellt, es wolle uns absichtlich ärgern oder provozieren. Das Gegenteil ist der Fall: Es handelt sich um eine enorm wichtige Reifung des „Ichs“.
Warum knallt es dann so oft?
- Das kindliche Gehirn (genauer gesagt das Frontalhirn, welches für die Impulskontrolle zuständig ist) ist in diesem Alter schlichtweg noch nicht ausgereift.
- Die Kinder spüren extrem starke Gefühle, können diese aber noch gar nicht regulieren.
- Die Wutausbrüche sind also keine böse Absicht, sondern emotionale Überforderung und ein Zeichen innerer Reifung.
Die Entdecker-Jahre (3 bis 6 Jahre): Initiative statt Schuldgefühle
Wenn die ersten wilden Wutausbrüche etwas abebben, beginnt eine wunderbare, kreative Zeit. Im Kindergarten- und Vorschulalter lösen sich Kinder stärker von den Eltern und treffen zunehmend eigene Entscheidungen. Sie wollen die Welt verstehen und beherrschen.
In dieser Phase ist es wichtig, den Wissensdurst (die berühmte „Warum-Phase“) ernst zu nehmen und gemeinsam nach Antworten zu suchen.
- Erfahren Kinder in dieser Zeit Ermutigung, entwickeln sie Eigeninitiative und sind stolz auf ihr Handeln.
- Wird ihr Handlungsdrang aber ständig unterdrückt oder moralisch bewertet (z.B. mit Sätzen wie „Dafür bist du noch zu klein“), können Scham und Schuldgefühle entstehen.
Gerade im Kita-Alltag ist es toll, wenn Kinder ihre eigenen Spielideen entwickeln dürfen – auch wenn das manchmal etwas Chaos bedeutet.
Grenzen setzen – Ein liebevoller Leitfaden
Kinder brauchen Freiräume, um selbstständig zu werden, aber sie brauchen genauso dringend Grenzen. Grenzen bieten Orientierung und Halt. Eine Grenze bedeutet nicht nur „Bis hierhin und nicht weiter“, sondern auch: „In diesem Rahmen bist du sicher und darfst dich frei bewegen“.
So klappt das Grenzen setzen ohne ständige Machtkämpfe:
- Klarheit: Formuliere klare Regeln. Ein „Bleib nicht zu lange auf dem Spielplatz!“ ist zu ungenau. Sag lieber genau, welches Verhalten erwartet wird.
- Konstanz: Ein Kind versteht nicht, warum es heute etwas darf, was morgen streng verboten ist. Wenn Grenzen je nach deiner Laune wackeln, lernt das Kind nur, dass es Ausnahmen gibt und wird versuchen, diese einzufordern.
- Co-Regulation: Wenn dein Kind wütend wird, weil es eine Grenze spürt, bleib ruhig. Das nennt man Co-Regulation. Dein Kind lernt durch dich, wie es mit Frust umgehen kann, statt unkontrolliert auszurasten. Du bist der sichere Hafen im Gefühlssturm.
Wie spreche ich am besten mit dem Kind? (Die Giraffensprache)
Worte haben eine enorme Macht; sie können Fenster öffnen oder Mauern errichten. In meiner täglichen Arbeit als pädagogische Fachkraft ist mir bewusst geworden, dass meine Sprache direkt zur inneren Stimme der Kinder wird und maßgeblich ihr Selbstbild sowie ihre Resilienz formt. Jedes Wort, das ich wähle, transportiert Botschaften, die Kinder tief verinnerlichen. Um ein gewaltfreies Miteinander zu schaffen, das die Autonomie der Kinder respektiert, setze ich auf eine achtsame und bedürfnisorientierte Kommunikation.
Ein großartiges Werkzeug ist die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Marshall B. Rosenberg. Er unterschied bildhaft zwischen der „Wolfssprache“ und der „Giraffensprache“.
Die Wolfssprache steht für eine gewaltvolle Kommunikation. Sie ist geprägt von Verurteilungen, Vorwürfen, Befehlen, Drohungen („Wenn-Dann-Sonst“) und Verallgemeinerungen wie „immer“, „jeder“ oder „nie“.
Die Giraffensprache steht für die GFK. Die Giraffe wurde gewählt, weil sie das größte Herz aller Landtiere hat und durch ihren langen Hals den nötigen Überblick behält (Metaebene). Sie symbolisiert eine Sprache voller Liebe, Empathie und Verständnis.
Um Konflikte in der Giraffensprache zu lösen und Bedürfnisse klar zu kommunizieren, nutzt die GFK vier aufeinander aufbauende Schritte, die oft in Form einer „Ich-Botschaft“ formuliert werden:
Schritt 1: Die Beobachtung
Du benennst genau das, was Du siehst oder hörst. Wichtig ist hierbei, absolut wertfrei und neutral zu bleiben, ohne zu verurteilen oder zu interpretieren. Die Beschreibung sollte so sachlich sein, dass das Gegenüber nur zustimmen kann.
Beispiel: „Ich sehe alle Bauklötze am Boden verteilt liegen“.
Schritt 2: Das Gefühl
Sprich aus, was diese Beobachtung in Dir auslöst. Du übernimmst dabei die volle Verantwortung für Deine eigenen Gefühle und gibst nicht dem Gegenüber die Schuld (vermeide Sätze wie „Ich bin wütend, weil du…“),. Nutze klare Gefühlsbeschreibungen wie „Ich bin…“ und vermeiden Sie Interpretationen wie „Ich habe das Gefühl, dass…“.
Beispiel: „Das macht mich nervös…“.
Schritt 3: Das Bedürfnis
Finde heraus, welches innere Bedürfnis hinter Deinem Gefühl steckt und benenne dieses. Konflikte entstehen meist genau dann, wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinanderprallen (z.B. das Bedürfnis des Erwachsenen nach Ordnung gegen das Bedürfnis des Kindes nach Spiel).
Beispiel: „…weil mir wichtig ist, dass alles aufgeräumt wird, bevor wir rausgehen“.
Schritt 4: Die Bitte
Formuliere eine klare, konkrete Bitte an Dein Gegenüber, wie es sein Verhalten ändern könnte, um Deine Bedürfnis zu erfüllen. Eine echte Bitte ist niemals ein Befehl oder eine Forderung. Das Gegenüber hat immer die freie Wahl, die Bitte auch abzulehnen.
Beispiel: „Bitte räumt die Bauklötze hier in diese Kiste ein“.
Ein wichtiger Tipp für die Praxis: Insbesondere bei Kindern ist es entscheidend, nicht einfach diese vier Schritte abzuarbeiten, sondern sich zuerst auf Augenhöhe zu begeben und eine Verbindung herzustellen. Wenn Du das Kind dort abholst, wo es emotional gerade steht, und seine Perspektive ernst nimmst, wird es viel eher bereit sein, auf Deine Bitten einzugehen und friedvoll zu kooperieren.
Eine wichtige Grundannahme der GFK ist: Jeder Mensch tut in jeder Situation das für sich Bestmögliche. Ein Kind verhält sich beispielsweise nie absichtlich „gegen“ jemanden, sondern handelt immer so, um sich ein eigenes, inneres Bedürfnis zu erfüllen.
In meinem Kita-Alltag versuche ich zudem bewusst, Wörter der „Wolfssprache“ zu vermeiden. Dazu gehören Bewertungen wie „brav“ oder „böse“, die den Kindern suggerieren, sie müssten Erwartungen erfüllen, um akzeptiert zu werden. Auch Lob setze ich sehr bedacht ein. Statt wertender Urteile wie „toll gemacht“, die eine Abhängigkeit von äußerer Bestätigung schaffen können, zeige ich echtes Interesse an ihrem Tun: „Du hast aber lange an diesem hohen Turm gebaut“.
Ebenso verzichte ich auf Verneinungen wie „nicht“, da das kindliche Gehirn diese oft filtert und dann genau das Gegenteil umsetzt – aus „Nicht rennen!“ wird im Kopf des Kindes oft „Rennen!“. Stattdessen formuliere ich positiv, was ich mir wünsche, wie: „Gehe bitte langsam“. Auch vage Begriffe wie „vorsichtig“ oder „ordentlich“ ersetze ich durch konkrete Anweisungen, da sie für Kinder sonst kaum greifbar sind. Manipulationen durch „Wenn-Dann“-Drohungen haben in meiner Arbeit keinen Platz; sie erzeugen Angst und beschädigen das Vertrauensverhältnis.
Diese achtsame Sprache schützt die Kinderseelen und stärkt ihre psychische Gesundheit. Verbale Gewalt, wie ständige Abwertungen oder Beschämungen, kann so schädlich sein wie körperliche Gewalt und das Risiko für Depressionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter massiv erhöhen.
Mir ist klar, dass der Weg zu einer solchen Sprache Zeit und Geduld erfordert. Ich reflektiere daher regelmäßig meine eigenen unbewussten Glaubenssätze und moralischen Grundsätze, die oft aus meiner eigenen Biografie stammen. Indem ich das unpersönliche „man“ durch ein klares „Ich“ ersetze, übernehme ich Verantwortung für meine Werte und daraus folgend auch für meine Worte. Es geht mir nicht um Perfektion, sondern um eine ehrliche, wertschätzende Grundhaltung, in der ich mir auch eigene Fehler verzeihe. Denn nur wenn ich achtsam mit mir selbst umgehe, kann ich dieses Vorbild auch den Kindern weitergeben.
Welche Wörter sollte ich im Kita-Alltag lieber vermeiden?
Hier sind die wichtigsten Wörter und Phrasen, die Du vermeiden solltest, sowie hilfreiche Alternativen:
1. Bewertungen und Etikettierungen
„Brav“, „lieb“ oder „artig“: Diese Worte vermitteln dem Kind, dass es nur akzeptiert wird, wenn es unsere Erwartungen erfüllt und negative Gefühle wie Wut oder Widerstand unterdrückt. Dies kann dazu führen, dass Kinder ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse verleugnen.
„Böse“ oder „falsch“: Das sind tiefe Abwertungen. Ein „Du bist böse“ oder „Das machst du falsch“ schadet dem Selbstwert enorm und kann zu dem Glaubenssatz führen, nie etwas richtig machen zu können.
„Memme“, „Zicke“, „Prinzessin“ oder „Trampel“: Solche stigmatisierenden Schubladen verletzen nicht nur, sondern werden von den Kindern oft als Selbstbild übernommen („Ich bin eine Memme, ich weine immer“).
Alternative: Trenne das Verhalten von der Persönlichkeit. Benenne stattdessen wertfrei Deine Beobachtungen und Bedürfnisse („Ich möchte nicht, dass du haust. Bist du gerade wütend?“).
2. Lob als Bewertung
Selbst positive Bewertungen wie „schön“, „super“ oder „richtig“ haben Nachteile: Sie stellen Dich als beurteilende Instanz über das Kind und machen es abhängig von äußerer Bestätigung, wodurch die eigene innere Motivation verloren gehen kann. Besonders toxisch ist übertriebenes Lob („Das ist unglaublich großartig!“). Forscher haben herausgefunden, dass dies vor allem Kindern mit niedrigem Selbstwertgefühl schadet. Es suggeriert ihnen einen so hohen Leistungsstandard, dass sie künftig aus Angst zu scheitern schwierige Aufgaben meiden und sich noch weniger zutrauen.
Alternative: Ersetze die Bewertung durch echtes Interesse und beschreibe, was Du siehst: „Du hast aber einen hohen Turm gebaut, da hast du ganz schön lange dran gesessen“.
3. Verneinungen
Das kindliche Gehirn kann Verneinungen schlecht verarbeiten (ähnlich wie bei der Aufforderung: „Denke jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“). Bei kleinen Kindern filtern die Ohren oft nur das Haupt- und Tunwort heraus. Aus dem Satz „Fass den Hund nicht an!“ hört das Kind also „Hund anfassen!“.
Alternative: Formuliere positiv, was das Kind tun soll. Statt „Nicht rennen!“ sage: “Gehe langsam!“, und statt „Nicht schmatzen!“ lieber „Lass den Mund beim Essen zu“.
4. Drohungen und Druck
„Wenn… dann…“: Sätze wie „Wenn du nicht aufräumst, gibt es kein Mittagessen“ sind emotionale Manipulation. Sie nutzen Angst, um Gehorsam zu erzwingen, und knüpfen die Erfüllung kindlicher Grundbedürfnisse an Bedingungen.
„Müssen“ und „Sollen“: Diese Worte bauen automatisch Druck auf, was bei Menschen (die ein natürliches Bedürfnis nach Autonomie haben) instinktiv zu Trotz und Abwehr führt.
Alternative: Bitte stattdessen klar („Ich bitte dich, deine Jacke aufzuhängen“) oder biete Wahlmöglichkeiten an („Du darfst/kannst…“). Bei Konflikten hilft es, gemeinsam kreative Lösungen zu finden, statt zu drohen.
5. Unklare Begriffe
Worte wie „vorsichtig“ oder „ordentlich“ sind viel zu schwammig. Ein Kind weiß nicht, was genau es tun soll, um „ordentlich“ zu sein. Ebenso sind Zeitangaben wie „gleich“ oder „bald“ für Kindergartenkinder nicht greifbar, da sie im Hier und Jetzt leben und noch kein Zeitgefühl haben.
Alternative: Werde sehr konkret: „Halte dich gut am Seil fest“ (statt vorsichtig), „Stell die Kiste neben das Regal“ (statt ordentlich) oder „Wenn der große Zeiger oben ist…“ (statt gleich).
6. Distanzierende Wörter
„Man“ („Das macht man nicht“): Dieser Begriff schiebt die Verantwortung auf eine unbekannte moralische Instanz und wirkt unpersönlich. Nutzen Sie stattdessen „Ich“ („Ich will nicht, dass du…“).
„Aber“ („Ich verstehe dich, aber…“): Dieses Wort ist ein „Verbindungskiller“. Es löscht aus, was davor gesagt wurde, und entwertet das Bedürfnis des Kindes. Ersetzen Sie es durch „und“ oder „gleichzeitig“, damit beide Perspektiven gelten dürfen.
7. Erzwungene Entschuldigungen
Der Satz „Entschuldige dich!“ zwingt Kindern eine leere Floskel auf. Das Wort enthält zudem den Begriff „Schuld“ – dabei handeln Kinder entwicklungsbedingt nie aus böser Absicht, sondern weil ihnen angemessene Strategien fehlen. Echte Empathie lässt sich nicht erzwingen, sondern wächst durch Vorbilder.
8. Verniedlichungen
Mäuschen, Püppi, Süße – solche Kosenamen rutschen oft gut gemeint heraus, werden von Kindern aber häufig als Grenzüberschreitung empfunden. Sie möchten als gleichwertige, vollwertige Persönlichkeiten mit ihrem Namen angesprochen werden und nicht wie kleine Objekte oder Kuscheltiere behandelt werden.
Wie beeinflusst unsere Sprache das Selbstbild und die Resilienz von Kindern?
Die Art und Weise, wie Erwachsene mit Kindern sprechen, wird direkt zu deren innerer Stimme und formt maßgeblich ihr Selbstbild. Jedes Wort transportiert Botschaften und Bewertungen, die von Kindern tief verinnerlicht und zu eigenen, festen Glaubenssätzen gemacht werden.
Auswirkungen auf das Selbstbild und die emotionale Entwicklung:
Verlust des Vertrauens in eigene Gefühle: Beschwichtigende Sätze wie „Ist doch nicht so schlimm“ oder „Das war doch nur Spaß“ senden dem Kind die klare Botschaft, dass seine Wahrnehmung unwichtig und sein Gefühl falsch ist. Wiederholte Abwertungen dieser Art führen dazu, dass Kinder verlernen, ihren eigenen Empfindungen zu vertrauen.
Selbststigmatisierung durch Etiketten: Werden Kinder mit negativen Zuschreibungen wie „Memme“, „Zicke“ oder als „böse“ betitelt, übernehmen sie diese Schubladen in ihr eigenes Identitätskonzept. Sie entwickeln destruktive Glaubenssätze wie „Ich bin eine Memme, ich weine immer“ oder „Ich mache eh alles falsch“, was langfristig zu massiven Selbstzweifeln und sogar Autoaggression führen kann.
Unterdrückung von Grenzen: Die ständige Aufforderung, „lieb“ oder „brav“ zu sein, vermittelt Kindern, dass Emotionen wie Wut, Ärger oder Widerstand unerwünscht sind. Um zu gefallen, verleugnen sie ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse – ein Muster, das im Erwachsenenalter unter anderem zu Depressionen oder Burnout führen kann.
Einfluss von Lob auf Motivation und Selbstwert: Auch positiv gemeinte Bewertungen haben tiefgreifende Effekte auf das kindliche Selbstbild. Ständiges Bewerten (z.B. „super“, „toll“, „richtig“) macht Kinder abhängig von äußerer Bestätigung und erstickt ihre angeborene, intrinsische Motivation.
Besonders schädlich wirkt sich übertriebenes Lob (z.B. „Das hast du unglaublich großartig gemacht!“) auf die Resilienz aus. Forschungen zeigen, dass dies insbesondere Kindern mit ohnehin niedrigem Selbstwertgefühl schadet: Es suggeriert ihnen einen unerreichbar hohen Leistungsstandard. Aus Angst, diesen bei der nächsten Aufgabe nicht mehr erfüllen zu können, verlieren sie jegliches Zutrauen und sie meiden möglicherweise künftig Herausforderungen völlig.
Resilienz, Schutz und psychische Gesundheit: Anerkennung statt Bewertung: Die Resilienz von Kindern wird gestärkt, wenn ihre Gefühle benannt werden, ohne sie abzuwerten oder sofort auflösen zu wollen. Ein Satz wie „Ich sehe, dass du wütend bist“ gibt dem Kind Sicherheit und Halt. Kinder, die diese verbale Anerkennung erfahren, müssen sich später nicht selbst kleinmachen, um dazuzugehören.
Fehlerfreundlichkeit: Wenn Erwachsene achtsam und freundlich mit Fehlern umgehen, lernen Kinder, dass sie auch bei Misserfolgen liebenswert bleiben. Dieses Wissen ist ein grundlegender Baustein für echte Resilienz.
Toxischer Stress durch verbale Gewalt: Die langfristigen Folgen einer abwertenden Sprache sollten niemals unterschätzt werden. Verbale Gewalt in der Kindheit (dazu zählen ständige Vorwürfe oder Beschämungen) ist eine Quelle von toxischem Stress, der die neurobiologische Entwicklung beeinträchtigt. Studien belegen, dass verbale Misshandlung genauso schädlich ist wie körperliche Gewalt und das Risiko für Depressionen, Angstzustände und gesundheitliche Probleme im Erwachsenenalter massiv erhöht.
Warum verstehen Kinder Verneinungen wie „nicht“ so schlecht?
Das kindliche Gehirn hat aus verschiedenen neurologischen und entwicklungsbedingten Gründen große Mühe, Verneinungen wie „nicht“, „nein“ oder „kein“ zu verarbeiten. Dafür gibt es vier wesentliche Ursachen:
1. Verwirrung der Hirnhälften: Verneinungen irritieren das Gehirn, da die beiden Hirnhälften unterschiedliche Informationen verarbeiten. Wenn wir beispielsweise die Aufforderung „Denk nicht an den rosa Elefanten!“ hören, verarbeitet die eine Gehirnhälfte sofort das Bild des rosa Elefanten, während die andere Hirnhälfte versucht, die eigentliche Verneinung zu verarbeiten. Durch diese zwei völlig unterschiedlichen Meldungen wird das Gehirn gestört und die Verarbeitung der eigentlichen Botschaft verlangsamt.
2. Fehlendes logisches Denkvermögen bei Kleinkindern: Das kognitive Begreifen einer Verneinung ist eine enorme Gehirnleistung, die ein gewisses Maß an logischem Denken erfordert. Kinder erreichen diese Entwicklungsstufe frühestens ab dem 24. Lebensmonat. Für Kinder unter zwei Jahren ist es aufgrund ihrer noch rudimentär entwickelten Sprache schlichtweg unmöglich, ein „nicht“ zu begreifen und mitzudenken. Auch wenn das Verständnis ab drei Jahren deutlich besser wird, bleiben Verneinungen weiterhin schwierig.
3. Kinder filtern nur Schlüsselwörter heraus: Jüngere Kinder konzentrieren sich beim Zuhören nur auf die für sie bedeutsamen Wörter und überhören den Rest. Dabei filtern sie vor allem das Haupt- und das Tunwort (Subjekt und Verb) heraus. Wenn Sie dem Kind also zurufen: „Fass den Hund nicht an!“, hört das kindliche Gehirn im Grunde nur die Worte „Anfassen“ und „Hund“ – und das Kind macht sich voller Begeisterung genau daran, den Hund zu streicheln. Sie erreichen mit der Verneinung also oft genau das Gegenteil von dem, was Sie beabsichtigen.
4. Die Handlungsalternative fehlt: Ein verneinender Satz sendet dem Kind immer nur die Botschaft, wie es sich nicht verhalten soll. Es erfährt dabei aber nicht, was es stattdessen tun soll.
Die Lösung: Positive Sätze kann das kindliche Gehirn deutlich besser aufnehmen, verstehen und direkt umsetzen. Wie ich bereits bei den Alternativen zur „Wolfssprache“ aufgezeigt habe, ist es am effektivsten, klare und positiv formulierte Handlungsanweisungen zu geben. Sage also statt „Fass den Hund nicht an!“ lieber „Lass den Hund in Ruhe“ oder statt „Nicht auf die Straße laufen!“ besser „Bleib am Gehsteig stehen!“.
Welche positiven Handlungsalternativen gibt es zur Wenn-Dann-Drohung?
Für sogenannte Wenn-Dann-Drohungen gibt es keine einfachen, standardisierten Ersatzsätze, da sie meist aus einer elterlichen oder pädagogischen Ohnmacht und Hilflosigkeit heraus entstehen. Der Verzicht darauf erfordert vielmehr eine bewusste Entscheidung gegen Manipulation und für eine bedürfnisorientierte Haltung.
Anstelle von Drohungen kannst Du folgende positive Handlungsalternativen und Strategien nutzen:
- Bedürfnisse ergründen (Spurensuche): Anstatt ein Verhalten durch Drohungen erzwingen zu wollen, versuche herauszufinden, warum das Kind gerade nicht kooperieren kann oder möchte. Frage Dich empathisch nach den unerfüllten Bedürfnissen, zum Beispiel: „Du willst nicht mit aufräumen, stimmt’s? Du findest das lästig? Hast du schon so dolle Hunger, dass du nicht mehr mithelfen kannst?“.
- Wünsche formulieren und positive Folgen benennen: Anstatt an Bedingungen geknüpfte negative Konsequenzen anzudrohen (z.B. Essensentzug bei Nicht-Aufräumen), sage klar, was Du Dir wünschst und welchen positiven Effekt eine Kooperation für alle hat: „Ich wünsche mir, dass wir alle zusammen aufräumen, damit wir morgen hier wieder gemeinsam spielen können. Wenn wir alle kräftig mithelfen, sind wir schneller fertig und wir können uns an den Mittagstisch setzen“.
- Spielerische und kleinschrittige Anleitung: Oft verweigern Kinder Handlungen wie das Aufräumen, weil sie von der Menge an Gegenständen schlichtweg überfordert sind. Nimm die Kinder an die Hand und leite Sie sie spielerisch und mit konkreten Aufgaben an, zum Beispiel: „Du bringst die Puppen in die Puppenecke und du sammelst alle blauen Dinge zusammen“.
- Gemeinsam Lösungen und Kompromisse finden: Begib Dich auf Augenhöhe, hole die Kinder in ihrer aktuellen Situation ab und beziehe sie in die Lösungsfindung ein. Du könntest fragen: „Habt ihr eine Idee, wie wir das lösen können?“. Biete auch Kompromisse an, wie etwa die Abmachung, dass ein gerade gebautes Kunstwerk stehen bleiben darf, wenn im Gegenzug die restlichen Bauklötze in die Kiste wandern.
- Ein „Nein“ respektieren und auf natürliche Konsequenzen setzen: Die Kooperation eines Kindes lässt sich nicht erzwingen, und sein „Nein“ sollte respektiert werden. Tritt der Fall ein, dass gar nicht aufgeräumt wird, greift irgendwann die natürliche Konsequenz: Es liegen so viele Spielsachen herum, dass Spielen schlicht nicht mehr möglich ist. Dies erfordert dann eine gemeinsame, kreative Problemlösung in der Gruppe, bei der die Kinder Gemeinschaftssinn und Empathie lernen.
Übungen die helfen dabei, eigene unbewusste Glaubenssätze aufzudecken?
- Den inneren Dialog beobachten: Achte besonders in stressigen oder konfliktreichen Momenten darauf, was Deine innere Stimme zu Dir sagt. Neigst Du dazu, streng mit Dir selbst zu schimpfen (z. B. „Oh, ich Dussel!“) oder setzt Du Dich stark unter Druck („Ich schaffe das nicht!“)?
- Schreibe diese belastenden und immer wiederkehrenden inneren Sätze ganz konkret auf, um sie aus dem Unterbewusstsein ans Licht zu holen.
- Glaubenssätze bewusst umkehren: Hast Du einen negativen Glaubenssatz entlarvt, besteht der nächste Schritt darin, diesen aktiv in einen positiven, stärkenden Satz umzuwandeln.
- Formuliere hinderliche Gedanken um, zum Beispiel:
- Aus „Ich muss alles ertragen“ wird „Ich darf meine Gefühle und Grenzen zeigen“.
- Aus „Immer ruhig bleiben“ wird „Ich darf wütend sein“.
- Aus „Ich schaffe das nicht, durch den Tag zu kommen“ wird „Ich schaffe das, weil ich an mich glaube“.
- Eigene Trigger und die Biografie reflektieren: Wenn Du bemerkst, dass Du in Ohnmacht geraten bist oder aus Hilflosigkeit zu manipulativen Mitteln wie „Wenn-dann“-Drohungen greifen willst, ist tiefe Reflexionsarbeit gefragt. Hinterfragen Dich selbst:
- Warum bringt mich genau diese eine Situation immer wieder so auf die Palme? Was hat das mit mir selbst zu tun und habe ich in diesem Zusammenhang in meiner eigenen Biografie vielleicht Kränkungen erlebt?
- Auch bei Phrasen wie „Das macht man nicht“ lohnt es sich zu hinterfragen, aus welcher Erziehungserfahrung dieser Glaubenssatz stammt und ob Du diesen eigenen unbewussten moralischen Grundsatz wirklich beibehalten möchten.
- Nutze konkrete Reflexionsfragen, um Dein Verhalten und Deine unbewussten Überzeugungen zu überprüfen. Frage Dich im Nachgang:
- Was haben die Aussagen des Kindes mit mir gemacht? Warum war ich wütend oder genervt? Welches eigene Gefühl steckte dahinter und welche alten Muster könnte ich bedient haben?
- Affirmationskärtchen als Ritual nutzen: Da das Gehirn Zeit braucht, um neue, positive Denkmuster und Sprachgewohnheiten aufzubauen, müssen diese trainiert werden. Du kannst Rituale mit Affirmationskärtchen einführen, indem Du beispielsweise jeden Tag eine Karte mit stärkenden Worten liest.
- Hänge kraftgebende Sätze prominent auf, zum Beispiel den Satz „Ich gehe einen Schritt nach dem anderen“ genau dort, wo bei Dir am häufigsten Stress entsteht.
Ein wichtiger Rat zum Schluss:
Die eigene Alltagssprache umzustellen, braucht Zeit und Geduld, da das Gehirn neue Muster erst aufbauen muss. Sei nachsichtig mit Dir selbst. Es geht nicht darum, ab sofort fehlerfrei zu sprechen, sondern eine achtsame, gleichwürdige Grundhaltung aufzubauen.
Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es nicht, die Kinder zu formen, sondern sie liebevoll zu begleiten. Nutze den Alltag, um die Selbstständigkeit und die Resilienz der Kinder bewusst zu fördern! Lass die Kinder beim Tischdecken helfen oder ihre Kleidung selbst auswählen. Das erfordert manchmal etwas Geduld, stärkt aber das Problemlösungsverhalten und das Selbstbewusstsein enorm.
Wenn wir das Verhalten der Kinder nicht als Provokation sehen, sondern als wichtigen Ausdruck ihrer Entwicklung, wachsen wir am Ende alle gemeinsam – die Kinder und wir Erwachsenen.