„Du hast mir gar nichts zu sagen!“ – Wenn Kita-Kinder rote Linien überschreiten und wie wir als Fachkräfte sicher reagieren

Clara gibt Kita-Job auf: „Du blöde Erzieherin hast uns hier gar nichts zu sagen”

Ich habe mir am Sonntag (09.08.2026) zufällig das Video angesehen. Das ist eine unschöne Situation in dem Video, die sicher so mancher von uns, vielleicht so – oder vielleicht auch ähnlich – bei der Arbeit mit Kindern erlebt haben könnte. Da rutscht einem schon beim Zuhören das Herz in die Hose. Solche Grenzüberschreitungen wünscht sich niemand, und dass das Adrenalin in so einem Moment knallt, ist verständlich. Da auch ich hin und wieder mal mit „herausfordernden“ – oder wie meine Kollegin es treffenderweise gerne „herausgeforderten“ Kindern benennt – bei meiner täglichen Arbeit konfrontiert bin, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie es noch möglich wäre, mit solch einer Situation umzugehen. Ich möchte unterstreichen, dass ich kein Allheilmittel für diese oder ähnliche Konfliktsituationen habe. Aber es lohnt sich, einen Blick von außen darauf zu werfen, um seinen beruflichen, als auch privaten Werkzeugkasten mit ein paar neuen sinnvollen Pädagogikutensilien zu erweitern..

Wenn wir uns also das Ganze mal anschauen, gibt es ein paar Punkte, wie man in genau dieser Situation vielleicht noch klarer hätte reagieren können.

In dieser konkreten Situation: Was hätte anders laufen können?

Der Start: Eigentlich lag der PoF (Point of Failure) schon ganz am Anfang. Wenn im Team bekannt ist, dass diese beiden Jungs aktuell herausfordernd sind, schickt man bitte niemanden los, der erst den dritten Tag da ist und noch keine Bindung zu den Kindern aufgebaut hat (das hat noch mehr Gewicht, wenn es sich bei der Person um einen Praktikanten, einen Auszubildenden, einen FSJler, eine Aushilfskraft, eine Zeitarbeitskraft, einen Hospitanten oder einen ganz frischen Quereinsteiger handelt). Da hätte die Stammkollegin übernehmen oder zumindest mitgehen sollen.

Rechtzeitiger Abbruch: Als die heftigen Beleidigungen losgingen und der eine Junge anfing, sich auszuziehen bzw. sein Geschlechtsteil zu entblößen, wäre es der beste Moment gewesen, den Konflikt abzubrechen. Keine Erklärungen mehr auf Augenhöhe, sondern tatsächlich sich sofort körperlich aus der Situation ziehen und laut eine Fachkraft da zuzurufen.

Die Vorwarnung nutzen: Sie hat gehört, dass die beiden planen, ihr den Rock runterzuziehen. Statt stehen zu bleiben bzw. im unmittelbaren „Aktionsbereich“ zu bleiben und abzuwarten, wäre ein sofortiges Zurückweichen und ein ganz lautes, klares „Stopp!“ wichtig gewesen – bitte auch so laut, dass andere Erwachsene im Garten hellhörig werden und gucken, was da los ist.

Der körperliche Kontakt: Dass sie den einen Jungen am Ende festgehalten hat, war eine reine Reflex- und Notwehrhandlung. Aber leider hat das dem Jungen die absolute Steilvorlage für sein Geschrei („Die hat mich geschubst!“) geliefert. Um sich selbst zu schützen (rechtlich und körperlich), ist es meistens klüger, auszuweichen und Hilfe zu rufen, anstatt Kinder in solchen eskalierten Momenten festzuhalten, sofern keine unmittelbare Gefahr für andere besteht.

Maßnahmen im Anschluss: Wie geht man danach mit den Kindern um?

Dass direkte Elterngespräche stattgefunden haben, war super und genau der richtige erste Schritt. Aber auch mit den Jungs muss das zeitnah aufgearbeitet werden:

Grenzen glasklar machen: In einem ruhigen Moment muss die Situation mit den Jungs und einer ihnen vertrauten Fachkraft besprochen werden. Es geht nicht darum, sie in Grund und Boden zu schimpfen, sondern das Verhalten feinfühlig und dennoch unmissverständlich aufzuzeigen: „Ihr wart vielleicht wütend oder euch war langweilig, aber der Körper und die Intimsphäre von Anderen muss respektiert werden. Auch ein entblößen der Genitalien überschreitet Grenzen und wird auf keinem Fall tolleriert.“

Echte Wiedergutmachung: Ein schnell erzwungenes „Tschuldigung“ bringt gar nichts. Man könnte hingegen gemeinsam mit den Jungs überlegen: „Was könnt ihr tun, um das wieder in Ordnung zu bringen?“ – „Auf welche Art könntet ihr Euch glaubhaft bei Clara entschuldigen?“

Engmaschigere Begleitung: Die beiden brauchen in der nächsten Zeit auf dem Außengelände und im Freispiel definitiv einen engeren Rahmen. Jemand (aber auch das Team) muss sie gut im Blick haben, um Frust oder blöde Ideen schon abzufangen, bevor sie sich wieder hochschaukeln.

Team-Absprache: Das ganze Team muss an einem Strang ziehen. Es braucht die klare Absprache, wie bei den beiden Jungs sofort eingeschritten wird, und vor allem die Regelung, dass neue Leute oder Praktikanten mit solchen Konflikten nicht alleingelassen werden – oder noch besser – das solche Konflikte erst gar nicht entstehen.

Es ist immer leicht, dass im Nachhinein von der gemütlichen Couch aus zu analysieren. In dem Moment stand die Kollegin einfach unter Angespanntheit, was völlig menschlich ist und angesichts dessen, war das Handeln, das Agieren und Reagieren absolut nachvollziehbar. Daher möchte ich diesen Beitrag von mir auf keinen Fall als Kritik verstanden wissen. Es ist vielmehr eine Möglichkeit, von Erfahrungen und Schilderungen Anderer zu lernen.

Was denkst Du darüber? Deckt sich das eventuell mit dem, wie Du die Sache siehst, oder hättest Du da noch einen ganz anderen Lösungs-Ansatz?

Die Community und ich sind gespannt, was Du zu sagen hast. Nutze den Chat und teile uns mit, was Dir hierzu durch den Kopf geht.

# herausfordernde-kinder

Kita-Echo Community
Jemand tippt…
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